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„Aber die, die nicht einsam waren, sind plötzlich in eine Einsamkeitsspirale reingeraten!

Wir haben mit der Unternehmerin und Gründerin des Vereins „ Wege aus der Einsamkeit e.V.“ Dagmar Hirche gesprochen. Mit ihrer medialen Präsenz und ihrem sozialen Engagement setzt sie sich für die Generation 65 + ein und „versilbert“ das Internet. Durch Vorträge, Weiterbildungen und Online-Veranstaltungen macht sie älteren Menschen Mut den Schritt in die Digitalität zu wagen. Keine dürfte die Bedürfnisse und Ängste von Senioren und Seniorinnen besser kennen als sie. 

Wir haben uns (natürlich) zu einem Videocall für dieses Interview verabredet.

Hier ein Auszug des Gesprächs:

Telemarie: Während der Lockdowns, wie haben Sie hauptsächlich kommuniziert?

Hirche: Als der erste Lockdown kam, war klar, dass wir zu keinen analogen Veranstaltungen mehr gehen. Da ich überall in den sozialen Medien bin, habe ich überall von Zoom, Jitsi, Blue Jeans gelesen. Dann hab ich mir Zoom angeguckt und gesagt: “das mache ich mit den Senioren”. Dann habe ich am besten Zoom verstanden und mir gesagt, ich kann am besten das schulen, was ich selber am besten verstehe und hab dann meinem Mann geschnappt und gesagt: du nimmst dir jetzt die Kamera und du bist jetzt mein Kameramann und wir werden jetzt Erklärvideos drehen, wie man Zoom auf ein Android Gerät, auf ein iOS-Gerät und auf ein Windows-Gerät bekommt und wie man es dann benutzt.

Als wir das das fertig gemacht haben, habe ich ein Zoom-Konto eingerichtet. Dann hab ich 2500 Newsletter-Empfänger angeschrieben und habe gesagt: “wir wechseln jetzt komplett von Analog ins Digitale und wer nicht weiß wie es geht, darf mich anrufen”. 14 Tage gab’s eine Hotline.

Telemarie: …zu dir direkt?

Hirche: … ja, das wusste ich nicht, was ich damit auslöse. Wenn ich das gewusst hätte, weiß ich nicht, ob ich das gemacht hätte, weil ich gefühlt 3 Wochen 24 Stunden lang Zoom erklärt habe.

Dann haben wir immer auch live geübt, weil unser Zoom-Raum seit März 2020 nicht mehr geschlossen wurde. Senioren brauchen Übungsräume. Denen kannst du nicht heute erklären, wie es geht und dann sagen in 14 Tagen geht’s los. Das wird nichts!

Dann haben wir angefangen ein bisschen Smalltalk zu machen und dann war das zu wenig und dann haben wir ein Programm aufgebaut. Dann hatten wir wirklich jeden Tag außer Samstags Programm. Das haben uns die Senioren bestätigt, dass sie das tatsächlich aus der Depression raus geholt hat, weil ihnen alles weggebrochen ist: der Sport, die Musik, ihre Reisen – sie mussten alles, woran sie Spaß hatten, absagen und saßen jetzt plötzlich zu Hause und waren einsam, was sie vorher gar nicht waren. Senioren, die vorher einsam waren, die konnten sich besser damit arrangieren. Aber die, die nicht einsam waren, sind plötzlich in eine Einsamkeitsspirale reingeraten.

Vorher haben sie sich um ihre Enkelkinder gekümmert, die haben sich getroffen, sind Kaffeetrinken gegangen, Essen gegangen, das ist ja komplett weggefallen. Jetzt hatten sie plötzlich einen Raum. Das konnten sich viele vorher gar nicht vorstellen, wie man sich digital als Gemeinschaft fühlen kann. Ich hab ja vorher alle gesiezt, weil ich dachte, das sind Menschen, die diese „Du“-Kultur gar nicht kennen. Wir haben auf Zoom aber darauf geachtet, dass keiner mit seinem Nachnamen drin ist – aus Sicherheitsgründen – das haben wir von anfang an geschult. Aber dann haben sich manche „Strickeule“ genannt und zu einer „Strickeule“ Sie zu sagen, das war lächerlich und dann haben alle gesagt, wir duzen uns. Das habe ich komplett unterschätzt, was das nochmal für Nähe schafft. Wir haben bis jetzt ca 500 Zoom-Veranstaltungen durchgeführt. Die Senioren haben für sich den Zoom-Raum als digitale Kneipe angenommen.

Montags ist bei uns „Sitztanz“ mit einem Tanzlehrer. Da wird Twist und Rock´n Roll im Sitzen getanzt. Mittwoch machen wir Smartphone und Tablet-Schulungen. Donnerstag haben wir Yoga, freitags schulen wir wieder und Sonntags spielen wir. 

Eine macht einen Ukulele-Workshop, jemand macht eine Schreibwerkstatt, dienstags wird manchmal Lachyoga veranstaltet oder Kultur angeboten. Wir haben alle 6 Wochen eine Party veranstaltet, gemeinsam gekocht. Ich sag heute: es gibt nichts, was man nicht digital machen kann.

Telemarie:  Wie kommen die Senioren und Seniorinnen an die Termine?

Hirche: Die stehen auf unserer Seite: https://www.wegeausdereinsamkeit.de/.

Man guckt und sagt „ich würde irgendwo teilnehmen“. Das Kennwort muss man sich von uns holen, weil ich einmal wissen möchte, wer möchte gern in unsere Runde. Wenn man einmal das Kennwort hat, kann man überall teilnehmen – so niedrigschwellig wie möglich!

Telemarie:  Was braucht man als Senior oder Seniorin?

Hirche: Ein Smartphone oder Tablet – auf jeden Fall braucht man Internet. Am besten man hat ein Laptop, aber das haben viele nicht. Es gibt viele ältere Damen und Herren, die noch einen Stand-PC haben. Die haben natürlich keine Kamera und kein Mikrofon und keine Lautsprecher. 

Wir haben gelernt, dass die Senioren ganz oft wieder Dinge vergessen und mein Lieblingssatz ist „Du bist stumm geschaltet, ich sehe deine Lippenbewegung“ das habe ich gefühlt 30.000 Mal erzählt.  

Telemarie: Das Thema Einsamkeit betrifft nicht nur Ältere sondern alle Generationen. Warum ist es für ihren Verein besonders wichtig, für Ältere etwas zu tun?

Hirche: Als wir den Verein „Wege aus der Einsamkeit“ vor 13 Jahren (2008) gegründeten, haben wir uns entschieden, für Menschen 65 plus da zu sein. 

Telemarie: Wie kann man denn ältere Menschen erreichen, die sich einsam fühlen und keine Technik haben, um zu kommunizieren?

Hirche: Was wir festgestellt haben, ist, dass wir durch die Digitalisierung Menschen erreicht haben, die körperlich nicht mehr mobil sind, aber geistig top fit sind. Wenn die Kameras abgeschaltet sind, dann wissen wir, dass es ihnen heute nicht so gut geht und sie im Bett liegen. Dennoch sind diese Menschen froh, Teil einer Community zu sein und unsere Stimmen zu hören. Dann sagt man „Hey Herta, dir geht´s heute nicht so gut. Aber schön, dass du dabei bist“.  Allein dadurch merkt man schon an der Stimme, dass die Menschen, die eine Einschränkung haben, sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen. 

Menschen, die einsam sind und schon vorher den Weg nicht zu uns gefunden haben, für diese Menschen ist es extrem schwierig. Da is der erste Schritt eigentlich immer der analoge Weg und wenn diese Menschen aus der Ferne sehen, wie solche Online-Treffen ablaufen. Man muss sich damit abfinden, dass man digital einsame Menschen nicht erreicht. Das ist fast nicht möglich. Das müsste man vielfältig machen, niedrigschwellig, da muss es etwas in der Nachbarschaft geben, wo man immer dran vorbei läuft als einsamer Mensch und wenn dieser Mensch mal einen guten Tag hat, auch mal stehen bleibt und eventuell mitmacht.

Telemarie: Wieviel Menschen nehmen denn an ihren Angeboten teil?

Hirche: Wir haben ca. 300 Gäste, die regelmäßig zu uns kommen in die digitalen Räume. Es kann ja jeder entweder nur an einer Sache teilnehmen oder an allem. Wir haben eine 95-Jährige, die tanzt nur und wir haben eine 91-Jährige, die macht nur Sitzyoga mit.

Telemarie: Wie kann man den Umgang mit der Computer, Senioren-Smartphones und Senioren Tablets erleichtern. Was würdest du Entwicklern und Entwicklerinnen solcher Geräte mit auf den Weg geben?

Hirche: Mein Wunsch ist es immer, dass es Smartphones gibt, die alle gleich aussehen und wo man eine einfache Oberfläche und eine zweite Oberfläche für Experten hat. Das Problem ist, dass Senioren keine Seniorengeräte haben wollen, weil das ist ein Stigma. Da geht der Opa zu seinem Enkel und da sagt der Enkel „Was hast du denn da Opa, das ist was für alte Leute.“ Das wollen die alten Leute nicht. Die wollen das haben, was alle anderen auch haben. Das darf man nicht unterschätzen, dass Senioren nicht in so ein Stigma gesteckt werden wollen.

Wenn man ein Doro-Handy hat, erkennt man sofort: das ist für Menschen, die keine Ahnung haben. Bei mir haben die Leute auch keine Ahnung, aber das wollen die Leute nicht zeigen.

Telemarie: Das war uns beim Entwerfen der Telemarie durchaus bewusst. Wie siehst du auf die Telemarie? Ist das Gerät aus deiner Sicht ein Stigma? 

Hirche: Die Telemarie ist für mich für jemanden, der im Grunde im Pflegebereich ist, der ganz wenig selber machen kann – wo man ganz klar weiß: der oder diejenige wird niemals ein Tablet bedienen können, um ein Anruf zu tätigen. Es sind die Menschen, die ich nicht erreiche mit meinem Angebot. Es sind die Menschen, wo die Familienangehörigen sagen: ich möchte gern mit meiner Oma, die 600 Kilometer entfernt ist, mit Videotelefonieren und das soll sie einfach per Knopfdruck herstellen und schon bin ich da! Schwupp!

Diese Menschen wissen vom Radio oder Fernseher noch wie ein Drehknopf funktioniert. Wenn ich an die Telemarie denke, dann ist das genau die Zielgruppe, die ihr ansprecht. Ihr sprecht nicht die Zielgruppe an, die ich anspreche. 

Telemarie: Besser hätte ich es nicht umschreiben können. Es sind oftmals genau solche Anfragen, die uns erreichen: Die Mutter oder Oma wohnt allein in Freiburg und die Familie lebt in Stralsund und man möchte sich regelmäßig per Video sehen und Bilder und Videos teilen.

Das Problem dabei ist, dass laut Statistik und auch auf Grundlage unserer Gespräche die Hälfte der Älteren kein Internet hat. Das ist ein riesiges Problem! 

Hirche: Im Grunde sprecht ihr ja noch mehr diejenigen an, die im Heim leben, die ihr Zimmer nicht mehr verlassen können und da gibt´s ja auch kein WLAN. Das ist etwas, was ich schon sehr sehr lange bemängele, dass das nicht sein kann in Deutschland.

Telemarie: Das ist wohl mittlerweile von vielen Heimleitern und Heimleiterinnen als Problem erkannt worden. 

Hirche: Aber noch nicht bei allen! Es gibt noch genügend Heimleitungen, die meinen, es sei nicht notwendig! Da muss ich noch sehr laut und sehr viel reden zu diesem Thema.

Telemarie: Wie wichtig ist ihnen denn persönlich Videotelefonie?

Hirche: Extrem wichtig! Allein schon durch die Entfernung. Ältere Menschen können am Telefon immer schön sagen wie toll es ihnen geht, aber wenn man sie sehen würde, würde man sehen, dass es ihnen nicht so gut geht. Dann kann man diesen Menschen auch mal zeigen: guck mal, so sieht gerade unser Garten aus, weil sie nie mehr nach Stralsund kommen, um sich den Garten anzuschauen oder das Kinderzimmer oder die Werkbank. Man kann gemeinsam singen, man kann auch ein Bild malen und zeigen. Man hat ja einen ganz anderen Bezug zu den Leuten, wenn man Videotelefonie macht, als wenn man nur das Telefon nimmt. Ich kann die Menschen nicht verstehen, die die Vorteile der Digitalisierung nicht sehen. 

Wir zwingen die alte Generation die digitale Welt, dann müssen die ganzen Schulungen kostenfrei sein und bezahlen sollen die Konzerne und Unternehmen, die Digitalisierung anbieten. 

Telemarie: Haben sie das Google, Apple und Zoom mal vorgetragen?

Hirche: Immer! Wenn ich Vorträge halte, steht das immer drin.

Telemarie: Ich meine, haben sie direkt mal bei Google nachgefragt? 

Hirche: Facebook unterstützt uns. Ich bin mit der Telekom vernetzt. Ich hab einige Konzerne, die uns unterstützen. 

Telemarie: Bei der Entwicklung des Senioren Tablets Telemarie haben wir uns gefragt, ob es irgendwann auch mal einen Seniorentarif geben wird, den sich Ältere auch leisten können? 

Hirche:  Da sind die gerade am arbeiten dran! Ich bin da dran! 

Telemarie: Es gibt das EU-Antidiskriminierungsgesetz, das besagt, dass man unter anderem Senioren nicht bevorzugen darf, denn sonst meldet jede Gruppe einen Anspruch auf Bevorzugung an. Aber eigentlich geht es nicht anders, wenn man gesellschaftlich etwas verändern möchte, muss man eine Unterscheidung machen, weil nicht alle Gruppen gleichgestellt sind. Diskrimminierung wäre auch der falsche Begriff. Man müsste von Fördergruppen sprechen.

Hirche:…aber da sind die dabei!

Telemarie: Ich habe mich ebenfalls bei der Telekom stark dafür gemacht! Dann sind wir an der gleichen Front tätig.  Das ist gut!

Gibt es etwas, was du noch anregen würdest, wenn es um die Digitalisierung von Senioren geht?

Hirche: Ich hab mich immer gefragt, warum gibt es bei den öffentlich rechtlichen Sendern keine Sendungen oder Sender zur digitalen Bildung für Ältere?

Der vormittags für die Senioren was bietet und nachmittags was für die Schüler und abends was für die arbeitende Bevölkerung. Warum gibt es keine digitale Bildungssendung, wo man weiß, dass es jeden Monat eine Wiederholung gibt, damit ich mir das wieder neu anschauen kann.

Telemarie: Gute Idee!

Hirche: Da gäbe es dann Sendungen zu digitalen Gesundheitsthemen oder zu Online-Banking!

Telemarie: Du hast vollkommen recht, man geht immer davon aus, dass die Älteren diese Themen von irgendjemandem erklärt bekommen, aber warum wird das nicht strukturell auch über öffentlich rechtliche Sendungen abgedeckt? So könnte man auch Vertrauen schaffen in die Digitalität. Wenn jemand allein vor dem Fernseher sitzt, könnte eine Dagmar Hirche in einer Sendung was zu den Senioren-Online-Räumen erzählen. 

Hirche: …oder wie richte ich mir ein Smartphone ein. Nach dem Motto: Ich habe mir ein Smartphone gekauft und das richten wir jetzt gemeinsam ein. Man muss analog denken, um in die digitale Welt zu gehen. Ich kann nicht verstehen, warum es für die analogen Offliner einen Fernsehangebot gibt, wo sie sagen: „Da wird mir einmal die Woche erklärt, wie ich ein Smartphone einrichte, da wird mir einmal die Woche erklärt, wie ich eine Email verschicke und da wird mir erklärt, wie ich Google Maps benutze. Die Menschen, die kein Internet haben, die können sich ja auch nicht unsere Erklärvideos auf Youtube angucken. Die können aber einen Fernseher bedienen. Warum wird der Fernseher nicht benutzt, um Offliner in die digitale Welt zu holen?

Telemarie: Liebe Frau Hirche, ich danke ihnen für das Gespräch.

 

    

 

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